Meine Mutter liebte schöne Kleidung. Da sie ein Sparfuchs und eine Schnäppchenjägerin war, hatte sie oft neue Kleidungsstücke. Der Vorteil an ihrem großen Haus, das sie seit dem Auszug meines Bruders und mir allein bewohnte, war, dass es viel Platz gab, um Altes zu lagern. Meine Mutter musste also nichts aussortieren, sondern konnte vieles behalten, auch wenn sie es nicht mehr benutzte.

Als wir anfingen, das Haus auszuräumen, kamen wir relativ schnell zum ersten Kleiderschrank. Wir sortierten alles in mehrere Stapel – Sachen, die ich tragen wollte, hierhin. Klamotten, die wir für nicht mehr gut genug hielten, dorthin – sie sollten zur Altkleider-, bzw. Lumpensammlung; und schließlich Kleidungsstücke, die noch gut waren und die man noch weitergeben konnte auf den letzten Stapel.

Die Altkleider waren am einfachsten zu identifizieren und wir stopften alles in große Säcke, die wir über mehrere Tage hinweg zu den Altkleider- und Lumpensammlungen brachten. Auch zu entscheiden, was ich behalten und selbst tragen wollte, fiel mir nicht schwer.

Schwer wurde dann allerdings die Entscheidung, was mit den anderen Sachen passieren sollte. Die Kleidung, die noch gut war, aber für mich nicht interessant, bzw. in die ich nicht hineinpasste, wollten wir verkaufen oder verschenken. Wenn uns jemand aus dem Freundeskreis einfiel, der das eine oder andere Stück passen und gefallen konnte, legten wir es für diese Person zur Seite. Alles andere blieb in mehreren großen Kisten verpackt erst einmal stehen.

Und da stand es dann. Monatelang. Jahrelang. Glücklicherweise hatte mein Bruder ein ebenso großes Haus wie meine Mutter, so dass wir Sachen zwischenlagern konnten. Aber jede Umzugskiste, die irgendwo stand, nahm Platz weg und lag uns auf der Seele.

Als die Flüchtlingswelle 2014 Deutschland erreichte, wussten wir, was wir mit einem Teil der Kleidungsstücke meiner Mutter machen konnten, dem modernen Teil. Wir beschlossen, die Kleidung der Flüchtlingshilfe zu spenden.

Und damit schloss sich auch ein Kreis – denn meine Großeltern waren mit meiner neugeborenen Mutter im Jahr 1945 aus Oberschlesien geflüchtet und hatten nichts außer den Sachen am Leib mitbringen können. Im Nachlass meiner Großeltern hatten wir damals einen Brief meines querschnittsgelähmten Großvaters gefunden, den er mit Kohlepapier vervielfältigt und offenbar an all seine Bekannten in Deutschland geschickt hatte. Darin erklärte er seine Notlage und dass er nur eine Hose, ein Hemd und ein Paar Schuhe habe, und ob der Bekannte ihm nicht vielleicht eine Hose oder ein Hemd schicken könne…? Die Not meiner Großeltern muss groß gewesen sein, aber mit viel Erfindungsgeist und Hilfe von außen hatten sie es geschafft, ihr Leben in den Wirtschaftswunderjahren zu verbessern. Kein Wunder, dass Kleidung für meine Mutter immer einen besonderen Stellenwert hatte!

Bevor wir die Kleidungsstücke abgaben, gingen wir noch einmal alles durch, wuschen, was durch die Zeit in den Kisten etwas muffig geworden war und verpackten alles erneut. Es waren viele Wintermäntel, Pullis und Hosen dabei, die schick und qualitativ gut waren, aber eben aus der „Vor-vor-(vor-vor-vor-)Saison“, weswegen auch ein Verkauf im Secondhandladen nicht besonders erfolgsversprechend war. Aber nun hatten wir eine Möglichkeit gefunden, die Sachen abzugeben und damit Gutes zu tun.

Und wir wussten, die Kleidung meiner Mutter, die ihr immer so wichtig gewesen war, würde jetzt Menschen in Not helfen, sie modern einkleiden und warm halten und sie würde geschätzt werden. Und das war uns viel mehr wert, als wenn wir die Kisten für Geld verkauft hätten. Unsere Erkenntnis: Verschenken macht mehr Spaß als Verkaufen (und geht auch noch schneller)!

 

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