Meine Mutter starb Mitte Januar nach zwei längeren Kranken­haus­auf­ent­halten.

Als wir anfingen, ihr Haus aufzuräumen, fiel mir ein Schuhkarton ins Auge, der neben ihrer Schlafzimmertür stand. Er sah sehr neu aus und ich öffnete ihn, um zu sehen, was sich wohl darin befand – denn in meiner Familie (wie sicher auch in vielen anderen) werden Schuhkartons gerne zum Aufbewahren von allem Möglichen verwendet. Diesmal enthielt der Karton tatsächlich Schuhe, und zwar nagelneue Winterwanderstiefel. Sie waren braun – nicht unbedingt meine Farbe – und warm gefüttert. Dem Karton konnte ich entnehmen, dass meine Mutter die Stiefel im Sonderangebot erstanden hatte, zum Schnäppchenpreis, wie sie das immer gerne getan hatte – und was ich zu 100% von ihr übernommen hatte.

Ich nahm die Schuhe aus dem Karton und sah, dass sie noch nie getragen worden waren- die Sohle war unbenutzt, die Preisschilder klebten noch darunter. Meine Mutter war gestorben, ohne die neuen Winterschuhe, auf die sie sich sicher gefreut hatte, auch nur einmal draußen angehabt zu haben. Das war ein sehr trauriger Gedanke und ich legte die Schuhe in ihren Karton zurück. Da fiel mir auf, dass die auf dem Karton angegebene Schuhgröße 40 war – meine Größe, nicht jedoch die meiner Mutter…

Ich nahm die Schuhe erneut aus dem Karton, zog meine eigenen Schuhe aus und schlüpfte in die Winterstiefel. Sie passten wie angegossen. Ein paar Schritte den Flur runter bestätigten das erste Gefühl – ich konnte die Schuhe tragen. Ich stellte den Schuhkarton mit den Schuhen unten neben die Haustür- ich würde die Schuhe gleich nachher mitnehmen und diesen Winter so oft ich konnte tragen – dann wären sie nicht umsonst gekauft worden!

Es ist jetzt sechseinhalb Jahre später. Ich trage die Schuhe immer noch, jeden Winter. Ja, sie sind braun und das ist immer noch nicht meine Farbe – aber wie praktisch, sich bei Regen und Schneematsch keine Gedanken um Flecken auf den Schuhen machen zu müssen, denn die sieht man bei der Farbe gar nicht!

Und jedes Mal, wenn ich die Schuhe anziehe, denke ich an meine Mutter…

 

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